Historie
Grabungen und Funde belegen, dass dieser Raum schon in grauer Vorzeit bewohnt war. Einzelfunde aus der Steinzeit bis zur Eisenzeit (10000 - 300 v. Chr.) weisen durchgehend die Anwesenheit von Menschen nach, die als Jäger, Sammler und frühe Bauern nicht immer friedlich gelebt haben, aber sich sicher nicht als Gegensätze empfanden.
Als Beispiel für eine überregional bedeutende Ausgrabung mögen hier die Funde in Nordrheda genannt werden, wo auf einem Terrain von ca. 40 000 m2 Werkzeuge der mittleren Steinzeit (8000 - 5500 v. Chr.), ein Friedhof mit Schlüsselloch- und Kreisgräbern aus der Bronzezeit (1700 - 700 v. Chr.) und Siedlungsteile aus der vorrömischen Eisenzeit (700 - 300 v. Chr.) gefunden wurden. Die Heimatvereine der Stadtteile Rheda und Wiedenbrück präsentieren einen Teil der vorgeschichtlichen Fundstücke in der Begegnungsstätte Domhof sowie dem Wiedenbrücker Schule Museum.
Im Frühmittelalter beginnen erste trennende Entwicklungen. Wiedenbrück, benannt nach den "weiten Brücken" über die Ems, wird von dem Bischof von Osnabrück gegründet. Er erhebt den Ort zum religiösen Mittelpunkt des oberen Emslandes. Von hier aus soll das Gebiet missioniert werden. Rheda, benannt nach der mit Röhricht bestandenen Emsaue, dem Ried (niederdeutsch Reie), konstituiert sich als frühe Turmburg auf einem aufgeschütteten Hügel nahe einem wichtigen Emsübergang. Hier sind weltliche Adelige die Urheber.
Der Haupthof Rheda wird als "Rethe" zwar schon 1085/88 in einer Urkunde erwähnt, es dauert aber noch rund 200 Jahre, bis 1221 durch die Initiative des Burgherren Hermann II. zur Lippe ein Burgflecken mit dem Namen "Rethe" als erste Plananlage entsteht.
Die Vollendung des Stadtrechts in Rheda wird 1355 von dem Edelherrn zu Lippe, Bernhard V. gewährt. Vorbild ist das Lippstädter Recht.
Für Wiedenbrück liegt das Stadtbuch von 1480 vor, das nach der frühen Rechtsausstattung von 952 sich deutlich am Magdeburger bzw. Osnabrücker Recht orientiert.
In den nächsten Jahrhunderten Wiedenbrück nach Osnabrücker Muster ausgebaut. Rheda wird von den Grafen von Tecklenburg bzw. Bentheim-Tecklenburg entwickelt. Für die erste Plananlage ist hier ein lippisches Straßenmuster zu erkennen: drei Parallelstraßen, die in einen Platz und eine Durchgangsstraße münden.
Die Streitigkeiten beginnen im 14. Jahrhundert um Grenzen, Gerichtsrechte und um den Besitz von Bauernhöfen. Die großen Auseinandersetzungen des Mittelalters zwischen kirchlichen und weltlichen Mächten verstärken den örtlichen Streit.
Bei einer Fehde um Rheda zwischen den Adelshäusern Lippe und Tecklenburg sucht der Lipper Bernhard VII. in Wiedenbrück Schutz. Umgehend wird Wiedenbrück belagert und beschossen. Graf Konrad von Tecklenburg führte 1534 mit dem Fürstbistum Osnabrück einen Krieg über die Landeshoheit, die geistliche Gerichtsbarkeit und die Grenzen einer sich bildenden Herrschaft Rheda, der erst 1565 beendet werden kann.
Im großen europäischen Krieg von 1618 - 1648 stehen sich Rheda und Wiedenbrück wiederum im jeweils anderen Lager gegenüber. Was in den Kriegszeiten von den Bewohnern der Städte und des Umlandes an Einquartierungen, Kontributionen, Plünderungen, Zerstörungen, Mord und Totschlag erlebt und erlitten wurde, darüber gibt es viele erschütternde Dokumente. Die Bürger wussten, was Krieg bedeutet. Im Langbalken des Wiedenbrücker Rathauses findet sich in Resten das Wort "...BELLA SUNT (FINIS)" = Kriege sind (das Ende).
In Rheda lässt Konrad von Tecklenburg ab 1527 mit Unterstützung des Hofpredigers Johannes Pollius evangelisch predigen und sichert die Reformation durch eine neue Kirchenordnung. Nach seinem Tod kommen durch Heirat die Bentheimer in Rheda zur Regierung und Arnold IV. konvertiert vom Luthertum zum Calvinismus. 1588 setzt er eine reformierte Kirchenordnung durch. Die calvinistische Geisteshaltung prägt nun das Leben in Rheda für 200 Jahre. Dazu gehören die bekannte Bilderfeindlichkeit im religiösen Bereich und strenge Regeln der persönlichen Bescheidenheit und sittlichen Reinheit. Die schlichten Fassaden der Rhedaer Fachwerkhäuser finden hier ihren wesentlichen Grund. Auch das Schulwesen wird entwickelt und eine Lateinschule entsteht.
In Wiedenbrück hält die Reformation ebenfalls Einzug. Bischof Franz von Waldeck holt 1543 Hermann Bonnus aus Lübeck, der eine neue lutherische Kirchenordnung verfasst. Ab 1624 setzt jedoch eine gezielte Gegenreformation ein. Die Jesuiten werden in Wiedenbrück tätig, das Gymnasium Marianum wird 1637 gegründet und das Franziskanerkloster 1644 eingerichtet. Wiedenbrück wird wieder katholisch.
Nach dem Ende des 30jährigen Krieges zeigen Rheda und Wiedenbrück neben deutlich unterschiedlichen, auch übereinstimmende Strukturen.
Wiedenbrück besitzt als ehemaliges Hanse-Mitglied die besseren Handelsbeziehungen, der Kaufmannstand wird führend. Es entwickelt sich eine reiche katholisch kirchliche Bürgerkultur mit Prozessionen, Schützenfesten und einem Kunsthandwerk, das in der Kirchenausschmückung ihren Mittelpunkt hat. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert kann man von einer Wiedenbrücker Kunst-Schule sprechen.
Nach dem Intermezzo der Franzosenzeit (1806 - 1813), in der wichtige Ideen der französischen Revolution umgesetzt werden (z. B. Abschaffung der Leibeigenschaft), kommt es im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu wesentlichen Veränderungen.
Durch den Wiener Kongress von 1815 verlieren beide Territorien ihre Selbstständigkeit, sie fallen einschließlich der Herrschaft Rietberg an Preußen und bilden einen preußischen Landkreis mit Wiedenbrück als Kreisstadt. So bleibt es bis 1970. Für Rheda ist dies eine politische Katastrophe. Katastrophal für Rheda ist auch der Zusammenbruch der Leineweberei aufgrund der in England erfundenen Webstühle, die billiger und besser produzieren. Während Wiedenbrück sich als Verwaltungszentrum und Beamtenstadt konsolidiert, droht Rheda abzufallen.
Die Führung der neuen Eisenbahnlinie von Köln nach Minden durch Rheda, die durch den Einsatz von Fürst Moritz Casimir 1847 (Fürstentitel des Hauses Bentheim-Tecklenburg seit 1817) erreicht wurde, bringt für Rheda eine neue Perspektive, die Entwicklung zu einem Industriestandort. Nach schleppendem Beginn entstehen seit 1860 in Rheda metallverarbeitende, holzverarbeitende und fleischverarbeitende Fabriken. Es gibt bald eine große Zahl von Arbeitern, die die Sozialstruktur Rhedas bestimmen. Wiedenbrück kann erst in den Jahren zwischen den Weltkriegen an Wirtschaftskraft an Rheda herankommen.
Wesentliche politische Impulse sind von beiden Städten nicht ausgegangen.
Deutsche Revolutionen (Bürgerrevolution von 1848, sozialistisch-demokratische Revolution von 1918) blieben ohne großen Widerhall. Gesetzestreue und Staatstreue waren und sind angesehene politische Qualitäten. Die Mehrheit ist eher konservativ eingestellt. Auch die Rhedaer und die Wiedenbrücker sind in die Weltkriege gezogen. Geschlagen kehrten sie in ihre vom Krieg vorschonten Heimatstädte zurück. Opfer haben sie mehr als genug gebracht.
Sie müssen aber auch betroffen erfahren, dass sie mitverantwortlich geworden sind für Verbrechen gegen Wehrlose und Unschuldige. Opfer, die vor dem Krieg, im Krieg und nach dem Krieg auf allen Seiten zu beklagen sind.
Die Zeit nach 1945 steht zunächst in Rheda und Wiedenbrück im Zeichen von Hunger, Wohnungsnot durch Flüchtlinge aus dem Osten und Arbeitslosigkeit. Ein "Wirtschaftswunder" lässt den Krieg und seine Folgen in den Hintergrund treten. Man trägt sich mit dem Gedanken einer grundlegenden Erneuerung der Städte. Rheda ist rasch dabei. In den 60er Jahren wird die Hälfte der Rhedaer Altstadt abgerissen und einschließlich eines imposanten Rathauses neu bebaut. Bald wird deutlich, dass Flächenabriss die Identität und gewachsene Eigenart einer Stadt zerstören kann. Um 1980 beginnt die erfolgreiche Einzelsanierung historischer Bauten.
Wiedenbrück ist langsamer und damit besser dran. Dem ersten Sanierungsplan nach der Zusammenlegung liegt schon die Idee der Einzelsanierung zugrunde.
Mit der kommunalen Neugliederung werden die Städte Rheda und Wiedenbrück mit den Ortsteilen Batenhorst, Lintel, Nordrheda-Ems und St. Vit zur Stadt Rheda-Wiedenbrück vereint. Vorausgegangen sind Demonstrationen gegen die Zusammenlegung und um die Namensgebung. Viele Bürger können sich nur schwer mit der Zusammenlegung anfreunden, andere halten sie für vernünftig. "Es werden wohl immer zwei gegensätzliche Stadtteile bleiben", so fürchtet man.
Zusammenfassend kann man bildhaft die Entwicklung der beiden unterschiedlichen Stadtteile mit einer Partnerschaft zwischen zwei Menschen vergleichen:
Sie kannten sich schon früh, stritten sich in ihrer Jugend, hatten zum Teil Konflikte und fanden sich schließlich 1970 mit weiteren Ortsteilen in einer Ehe zusammen. Noch heute ist die Ehe zwischen Wiedenbrück und Rheda nicht ohne Spannungen. Konfliktreiche und komplizierte Ehen können aber besonders kreativ und lebendig sein.
Soll man unbedingt zusammenwachsen oder entstehen nicht gerade aus der Zweipoligkeit, dem "Gegensatz" besondere Reize und Fähigkeiten?
Die überaus erfolgreiche Landesgartenschau als gemeinsame Aktion bei unterschiedlichen Beiträgen der Stadtteile auf einer verbindenden Achse der "Flora Westfalica" könnte das leitende Modell für eine gute Zukunft der Doppelstadt sein.
Aus: "Rheda-Wiedenbrück, Ein zauberhafter Streifzug durch die Zeit", 2001.









